2002-02-25 Gedanken des Architekten G. Trebstein zum Wiederaufbau des Alten Rathauses

Günter Trebstein                                                         Gelsenkirchen, 25. Februar 2002

Eichenstraße 2 a

45894 Gelsenkirchen

 

Gedanken zum Wiederaufbau des „Alten Rathauses“

und eine Antwort auf den Halle-Artikel in der Zeitschrift „Monumente“

[Diese fünfseitige Denkschrift, die hier nur in Auszügen wiedergegeben wird, schickte der Architekt und ehemalige Hallenser u.a. an die OB und die halleschen Stadtratsfraktionen.]

 

Seit Monaten verfolge ich aus dem nahen Ruhrgebiet mit großem Interesse die brennende Frage um das „Für und Wider“ eines Wiederaufbaus des einst wunderschönen und altehrwürdigen Rathauses an alter Stelle auf dem geschichtsträchtigen Marktplatz der alten Universitätsstadt Halle.

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Trotz völliger Kriegszerstörung, die Halle kaum erlebt hat, ist es in vielen west- und auch ostdeutschen Städten und Gemeinden längst kein Thema mehr, mit dem Wiederaufbau von denkmalwürdigen Gebäuden, Rathäusern und auch Nachbauten das Gesicht ihrer historischen Innenstädte und Plätze auch der nachfolgenden Generationen zu erhalten. Diese Aktivitäten haben sich in den letzten Jahrzehnten als riesengroßes Plus für den Fremdenverkehr und die mittelständische Wirtschaft herausgestellt.

Als Althallenser und viel gereister Europäer und Zeuge des damaligen Abrisses möchte ich aus dem Ruhrgebiet, das sich als Industriestandort solche Perlen der Baugeschichte sehnlichst wünscht, hier meine ganz persönliche Meinung zum Ausdruck bringen.

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Es waren naive, geschichtslose Stadtväter, die in den Anfangszeiten der DDR, aus welchen lapidaren Gründen auch immer, solche nur leicht beschädigten baulichen Kostbarkeiten einschließlich des unzerstörten Barockflügels, der alten Börse mit dem dahinter liegenden Trödel, dem Geburtshaus des großen Barockmusikers Samuel Scheidt, dem Abriss unverantwortlich preisgaben. Damit war der typische Charakter, geprägt durch die 5 Türme, einfach dahin. Das Altstadtpflaster wurde gegen Westmark verhökert und ziert heute die Fußgängerzonen westlicher Innenstädte. Leider ging es dann nach der Wende ähnlich weiter. Abriss des alten HO-Kaufhauses mit seiner ruhigen Bauhausfassade der 30er Jahre und dann der Wiederaufbau mit dem Resultat „Nich dat Gelbe von’s Ei“. Von dem schrägen Glasbau der Bank am Trödel ganz zu schweigen. Mein Gott, was muss der ehrwürdige Markt noch alles ertragen?

Dabei hätte dieser Markt, geprägt von Händels Zeitalter und vom Maler Feininger mit seinen Stadtbildern der 5 Türme, die in den Weltmusen aushängen, und der Nähe von 4 gotischen Kirchen im Umkreis von 1000 Metern, einem herrlichen Saaletal mit zwei einmaligen Burgruinen, der Kunstschule und das Museum - die weithin als First-Class bekannt sind - die einmalige Chance, den Fremdenverkehr in dieser Stadt wesentlich zu verbessern. Dabei wissen es weder die neuen Stadtväter noch viele alte und zugezogene Hallenser zu schätzen - die vielen negativen Leserbriefe zeigen es - auf welcher Goldader eines unzerstörten Stadtkerns man sitzt.

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Doch nun droht dem leeren Marktplatz, der „Guten Stube“ einer jeden mittelalterlichen Stadt, neues Ungemach!

Auf dem ehemaligen Areal der alten Ratswaage, dem Ursprung der Halleschen Universität, soll ein neues Kaufhof-Gebäude am Verkehrsstrom der Leipziger zur Ulrichstraße entstehen. Sicherlich verlockend für die Stadtväter, die die Kaufmöglichkeiten in der Stadt zu erweitern suchen. Jedoch völlig unverständlich, dass sich die Damen und Herren der Verwaltung einen Kaufhausbunker vor die Nase setzen lassen, ohne Rücksicht auf die Altbausubstanz und die Würde dieses Marktplatzes. Sind die fremden Kaufhausplaner je durch die Innenstadt mit der ansprechenden Architektur, Kultur und Geschichte gegangen und haben sich mit der Gegenwart und Zukunft auseinander zu setzen versucht? Wohl kaum! Ohne jeglichen regionalen Bezug wird diese von Konzern-Architekten gewünschte Nutzbebauung zum Tragen kommen, wenn man sie nur lässt.

In den ganzen Diskussionen fragt man sich natürlich, wo sind die Halleschen Architekten geblieben, die diesen Eingriffen mit besser angepassten Vorschlägen beim Rat Einhalt geboten hätten? Man kann es den Stadtvätern nachsehen, dass sie in Sorge um Arbeitsplätze und Steuern sind. Aber deshalb braucht man sich doch nicht gleich mit allen Konsequenzen und unter Missachtung jeglicher Verantwortung für diesen einmaligen Platz diesem Diktat zu unterwerfen.

Wenn ich hier derartige Vorwürfe erhebe, dann habe ich ähnliche Erfahrungen in meinem langen beruflichen Planerleben in meinem jetzigen Wohnort Gelsenkirchen erlebt. Auch hier sind, bedingt durch die Zechenstilllegungen, um die 16 – 18 % Arbeitslose. Als wir in Gelsenkirchen im Zuge der Planung für die U-Bahn einen 100jährigen Jugendstilbahnhof mit den im Umkreis des Vorplatzes gelegenen altem Gründerzeithotel und umgebenden Platzbauten abgerissen haben – an dem ich leider mitbeteiligt war - erkenne ich heute, wie sehr die Gelsenkirchener dem einzigen Symbol ihrer Stadt in vielen Artikeln, Büchern und alten Fotos jede Woche nachtrauern.

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Sehr viele Städte von Ost bis West, von Petersburg, Danzig, Lübeck, Schwerin, Mainz, Bremen, Münster und Kleinstädte in Franken und Hessen haben es erreicht, durch den Wiederaufbau ihrer alten Stadtstrukturen einen attraktiven Fremdenverkehr ins Rollen gebracht zu haben, der dem Stadtsäckel gut geholfen hat.

Primitive Argumente eines Stadtverordneten  -  „In Halle gäbe es genügend alte Häuser“ - ist doch wahrlich der Gipfel der Unwissenheit und wenn nicht sogar Dummheit. Gerade diese Herren waren es, die ohne Verantwortungsbewusstsein kaum beschädigte, historische Gebäude abreißen ließen.

Es bestreitet doch niemand, dass in dieser Stadt, und nicht nur in Halle, vieles noch im Argen liegt. Doch die Annahme, dass darunter andere Aufgaben wie Straßen-, Wohnungs- und Brückenbau und soziale Aufgaben usw. leiden würden, ist einfach falsch, weil dafür andere Finanzierungstöpfe vorhanden sind. Dem angeführten Leserbeispiel, die Sanierung des Stadtbades sei wichtiger, kann man sicher nur zustimmen. Allerdings übernimmt diese Aufgabe nicht die Kommune, sondern hier die privatisierten Wasserversorgungsunternehmen. Sicher gibt es von Seiten der Stadt kein Bedarf an zusätzlichem Büroraum, doch eine große Verpflichtung zu ihrer historischen Vergangenheit.

Man muss sich von der Vorstellung, dass alles nur die Stadt machen müsste, in Zukunft verabschieden.

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[Unterstreichungen durch U. Schröder]